Donnerstag, 10. Dezember 2020

Hunger? Oder satt?

Ich bin mit dem ersten Buch noch nicht durch, finde mich da aber erschreckend oft 1 zu 1 wieder. Einerseits ja irgendwie beruhigend, dass es wohl vielen so geht, andererseits auch erschreckend.

Ja, mir wurde schon als Kleinkind beigebracht: Sei dünn, erst dann bist Du liebenswert. Habe ich noch nicht so drüber nachgedacht, stimmt aber. Und als Kind willst Du Aufmerksamkeit, egal, ob sie positiv oder negativ ist, und meistens und schnellstens bekommst Du diese, wenn Du Verbote missachtest und Dich darüber hinwegsetzt.

Essen als Ersatz...wofür?
Für irgendwie alles.
Von Leere füllen über Liebe und Zuneigung bekommen zum Profansten, der Langeweile. Mit etlichen Zwischenstadien. 

Beim lesen sah ich mich wieder auf dem Gymnasium vom Taschengeld Süßkram und Chips kaufen und heimlich futtern; den Abfall habe ich quasi rausgeschmuggelt, um einer Konfrontation zu umgehen. Ehrlicherweise habe ich das sogar jetzt während der Diät-Phase gemacht! Weil der Mann ja erbost beim Blick in den Mülleimer meinte "Dann brauche ich auch nix mehr abwiegen, wenn Du Dir heimlich alles wegfutterst, dann brauchste auch nicht aufschreiben! Und ich kann mir die Mühe mit dem Abwiegen und alles auf dem Zettel notieren sparen."
Hatta Recht!

Naja.

Es gibt nun unterschiedliche "Alltagsregeln", die ich versuche zu befolgen. Hier nur ein paar:

1. Hunger spüren.
So richtigen Hunger. So richtig, richtig. Das allein ist schon echt schwierig. Wir haben überhaupt keinen richtigen Hunger mehr. Wir essen, weil es lecker aussieht, weil die Werbung uns das suggeriert, weil wir es gerade wollen oder es gerade da ist. Wir essen um des Geschmacks Willen.
Aber fast niemals aus richtigem, körperlichen Hunger.

Allein das ist für mich schon unendlich schwer. Trotz intermittierendem Fasten, was ich aber ganz automatisch betreibe, weil es mir damit gut geht und ich morgens einfach noch keinen Hunger habe.

2. Satt sein spüren.
Das gestaltet sich als noch schwieriger als den Hunger spüren. Denn, solange kein physischer Hunger bemerkt wird und aus irgendeinem anderen Grund gefuttert wird, signalisiert der Körper auch kein "Stopp! Ich bin satt. Ich bin angenehm gesättigt. Du kannst jetzt aufhören oder weiteressen, aber ich bin gesättigt."  Das ist in etwa so wie Wasser in ein volles Glas zu schütten. Oder versuchen zu schlafen, obwohl man nicht müde ist: es bringt nix.

3. Zum Essen hinsetzen.
Geht. Auch auf der Arbeit. Aber damit kommen wir zum 4. Punkt...

4. Bewusst Essen. Ohne Ablenkung.
Das geht halt eben nur bedingt. In der Mittagspause gehe ich ja seit Corona, also März, nur spazieren und esse eine Kleinigkeit (Butterbrote oder Joghurt, manchmal auch was Fastfoodiges, was man aber kalt essen kann und nicht viel riecht) am Platz. 

Zu Hause sitzen wir immer, reden viel, haben aber auch zwecks Suche, Vorlesen etc. auch das Handy am Platz.

Freitags, wenn ich eher zu Hause bin, zelebriere ich aber genau das Essen vor'm PC und damit vor irgendeinem Film oder eher einer Serie mittags.
Früher habe ich dabei im Tolino gelesen oder ein Buch. 

5. Immer unter Freunden/Familie/Kollegen essen.
Wie soll das denn ein Single umsetzen?! 

Ich fühle mich ertappt. Die kurzen "Gelegenheiten", die ich hatte, auf die ich förmlich hingefiebert habe, wenn der Mann im Baumarkt oder Joggen war und ich ungesühnt meiner Futterlust nachgeben konnte. Oder hier im Büro, wenn meine Kollegin, die nur Teilzeit hier ist, Dienstags, Mittwochs und Freitags weg ist, mir somit nicht gegenüber sitzt und ich mir einen Schokoriegel nach dem anderen - und somit heimlich - inhalieren konnte.
PUH...ganz schön viele Baustellen.

Weil ich es nicht wert bin, zu essen.
Ich bin fett. Und deshalb sollte ich mich mal schön zurückhalten. 
Das muss ich übrigens auch ablegen.

Eigentlich müsste ich auch Tagebuch führen, warum ich wann was esse. 
Habe ich aber ehrlicherweise keine Lust drauf.


Momentan genieße ich meine neu gewonnene "Freiheit", denn ich habe mich dazu entschlossen, eben nicht Kalorien zu zählen oder aufzuschreiben, eine Abnehm-App zu bedienen. (Was übrigens auch einer der einzuhaltenden Punkte ist.)

Ich kann und darf alles essen, was ich möchte. Wenn ich Hunger habe. 

Das funktioniert erstaunlicherweise, sehr zu meiner Überraschung, erstaunlich gut.

Ich frage mich dann kurz "Hast Du wirklich Hunger oder nur Appetit? Warum? Warum gerade jetzt?"
Heute z.B. hatte eine Kollegin ihren 50. Geburtstag und hat uns einen gut gefüllten Süßigkeiten-Teller hingestellt. Gegessen habe ich davon nur heute morgen einen Knoppers-Riegel.
Das war's.
Aber eben mit gutem Gewissen. Er war lecker. Punkt. Reichte dann aber auch.
Während ich sonst jede Gelegenheit nutzen würde, weil "nur heute!" und "ab morgen wieder Diät!", ist es jetzt eben da. Und kann da auch bleiben. 

Einkaufen bei Lidl gestaltete sich auch äußerst entspannt. Erst die alten Gewohnheiten "Was kaufe ich? Am liebsten alles!" Dann "Huch, moment, nö, ich darf ja alles, was ich möchte, essen!" Somit kaufte ich 4 Süßkram-Sachen (Hanuta-Riegel, 1 Tüte Weingummi und 2 Weichnougat-Riegel.
Gegessen habe ich bis heute 1 Hanuta-Riegel (oder 2?! Weiß ich gar nicht mehr...) Und einen Weichnougat-Riegel. Alleine, dass es ich es eben nicht mehr weiß... überrascht mich jetzt gerade.
Ich kann ja jede Woche was Leckeres kaufen, wenn ich möchte.

Wie lange das anhält, weiß ich allerdings auch nicht. ^^

Über mein Sattsein gegessen habe ich Sonntagabend, da gab es wieder die weltbesten, ach, was red' ich, die universumsbesten Schnitzel, das ging nicht anders. ;-) 

Aber ich bleib' dran.




PS: Ganz großes Problem habe ich tatsächlich mit dem Fühlen des Sattseins.

2 Kommentare:

  1. Das kann ich gut nachvollziehen, obwohl ich gewichtstechnisch eher von der anderen Seite komme (75 Kg auf 1.83m).
    Das Hungergefühl vergesse ich oft einfach und wundere mich dann, wenn ich sauer werde.
    Sattheit wird bei mir durch alles Mögliche hervorgerufen, da reicht es zum Teil sogar schon, wenn Zigarettengeruch vorbeizieht. Ich habe lange geraucht, aber das kann ich jetzt nach acht Jahren nicht mehr riechen, also so gar nicht mehr.

    Ich finde es gut, dass Du einen ehrlicheren Umgang mit dir selbst pflegst. Alles andere führt nämlich zu nichts.

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    1. Ja, immer dauernd Diät halten, um dann wieder zuzunehmen, ist ja auch irgendwie unbefriedigend auf Dauer...
      Ich würde mir wünschen, mal auf der anderen Seite zu stehen... ;-)

      Gibt wenig, was mir den Appetit verdirbt! ^^

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